Kaum noch Figma: Warum ich heute im Code gestalte
Nach fast einem Jahr mit Claude Code: Ich gestalte direkt im echten Code – präzise wie mit einem Skalpell. Was sich verändert hat und was gleich bleibt.
Ich öffne Figma kaum noch
Vor einem Jahr hätte ich diesen Satz selbst nicht geglaubt. Über 20 Jahre lang war mein Werkzeug die Gestaltungsdatei: Screens zeichnen, Abstände bemaßen, Zustände durchspielen, alles sauber an die Entwicklung übergeben. Heute arbeite ich fast nur noch in Visual Studio Code, zusammen mit Claude Code. Ich gestalte direkt im echten Code – und fühle mich dabei mehr als Frontend-Entwickler denn als UI-Designer.
Arbeiten wie mit einem Skalpell
Der Ablauf ist überraschend unspektakulär: Ich beschreibe, was ich sehen will. Die Änderung landet im Code, ich sehe sie sofort im Browser – am Desktop, am Handy, hell und dunkel. Dann korrigiere ich. Nicht in groben Strichen, sondern präzise: 4 Pixel mehr Luft unter der Karte. Der Titel eine Spur größer als die Beschriftung darüber. Das Label in Großbuchstaben. Die Linie unten auch, nicht nur oben.
Genau dieses Feintuning hat früher die meiste Zeit gekostet – und ist am häufigsten verloren gegangen. Zwischen Mockup und fertiger Seite lagen Tickets, Rückfragen und Kompromisse. Heute liegt dazwischen: nichts. Was ich sehe, ist das, was live geht.
Was in zehn Monaten an traundesign.at entstanden ist
Ich habe mir die Historie dieser Website angesehen. Das erste Commit stammt vom 29. Dezember 2025. Seither:
- rund 800 Commits, also kleine, nachvollziehbare Änderungsschritte
- etwa 50.000 Zeilen TypeScript in über 340 Dateien, durchgehend zweisprachig (Deutsch und Englisch), mit hellem und dunklem Modus
- eine Website-Analyse, die eine Seite in 7 Kategorien prüft (Performance, SEO, Barrierefreiheit, Sicherheit, Nutzererfahrung, KI-Sichtbarkeit, Social Media) – mit angebundenen Prüfdiensten, Verlauf, PDF- und CSV-Export und Berichten per E-Mail
- ein KI-Check, der typische Fehler bei der KI-Einführung abfragt und danach passende Vorlagen verschickt
- ein Budget-Check mit interaktiver 3D-Bühne
- Animationen, die an das Scrollen gekoppelt sind: Karten auf einem Halbkreis, Kennzahlen, die zusammenrücken, Vorher/Nachher-Slider mit Pixel-Übergängen
- eine Einstellung „Animationen aus“ für alle, die es ruhiger mögen
- Sicherheits-Header, für die die Seite bei Mozilla Observatory die Note A+ bekommt
Nichts davon hätte ich früher ohne einen Programmierer umsetzen können. Das meiste davon hätte ich mir auch gar nicht erst vorgenommen.
Was sich an meiner Rolle verändert hat
Abstände definiere ich nicht mehr in einer Bemaßungsebene, sondern einmal zentral im Code: ein Seitenrand von 16 Pixel am Handy bis 52 Pixel auf großen Bildschirmen, und alle Seiten richten sich danach. Wenn ich heute entscheide, dass der Abstand unter der letzten Karte einer Seite genau so groß sein soll wie der seitliche Rand, dann gilt das zehn Minuten später auf allen Seiten – geprüft auf jedem Gerät.
Ich baue keine Bilder von Oberflächen mehr. Ich baue die Oberfläche.
Das heißt nicht, dass ich ein klassischer Entwickler geworden bin. Ich denke nach wie vor zuerst an die Menschen, die etwas benutzen sollen. Aber das Ergebnis meiner Arbeit ist kein Entwurf mehr, sondern funktionierender Frontend-Code.
Was gleich bleibt
Die wichtigste Arbeit passiert vor dem ersten Pixel: verstehen, wer etwas benutzt, wo es hakt und was wirklich gebraucht wird. Das nimmt mir keine KI ab. Sie übernimmt das Wiederholbare – die Entscheidungen treffe ich. Mit über 20 Jahren Erfahrung erkenne ich, wann ein Vorschlag gut ist und wann er nur gut aussieht.
Und ja: Für frühe Ideen, Moodboards und schnelle Skizzen ist eine Gestaltungsdatei weiter praktisch. Aber sie ist nicht mehr das Ziel, sondern nur noch ein Zwischenschritt.
Was das für Entwickler bedeutet
Die Arbeitsteilung wird klarer. Das Frontend – Layout, Abstände, Zustände, Animationen, Barrierefreiheit – kommt fertig und getestet aus meiner Hand. Entwicklerinnen und Entwickler können sich auf das konzentrieren, was sie wirklich interessiert: Datenmodelle, Schnittstellen, Sicherheit, Skalierung. Statt einer Spezifikation bekommen sie Code, der schon läuft.
Was das für Kunden bedeutet
- Prototypen sind keine Attrappen mehr, sondern echte Seiten, die man testen kann
- Änderungen dauern Minuten statt Sprints
- weniger Übergaben heißt weniger Missverständnisse
- die Zeit, die früher in Abstimmung ging, fließt in Details, die Nutzer spüren
Wo die Grenzen liegen
KI macht Fehler – manchmal selbstbewusst. Deshalb prüfe ich jede Änderung im Browser, auf mehreren Geräten und in beiden Farbmodi, bevor sie live geht. Architektur, Sicherheit und alles, was mit Daten zu tun hat, gehören weiterhin in erfahrene Hände. Und Geschmack lässt sich nicht automatisieren.
Fazit
Nach fast einem Jahr ist für mich klar: Der Beruf UI-Designer verschwindet nicht – er rückt näher an das fertige Produkt. Das Skalpell ersetzt nicht das Denken. Es sorgt nur dafür, dass vom Gedachten nichts mehr verloren geht.